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Zwischen Modell und Architektur

Alice Hauck und Amelie Plümpe bilden das Künstlerinnenduo Hauck Plümpe. Ein Gespräch über Mikroarchitekturen, Routinen und die unsichtbare Arbeit hinter der Kunst.

Anna Moldenhauer: Zu eurem Werk zählen Fragmente aus dem Stadtraum. Was muss gegeben sein, damit ihr diese auswählt?

Amelie Plümpe: Wir bringen beide Architekturfragmente und Formen in unsere Arbeit ein, die uns begegnen und inspirieren. Ein festes Regelwerk gibt es dafür nicht, die Auswahl passiert spielerisch und intuitiv. Erst in der späteren Übersetzung entsteht so etwas wie ein Regelwerk, etwa dass die Elemente so gebaut werden, dass wir sie tragen können. Es gibt aber keine Vorgaben, welche Form aufgenommen werden muss. Außerdem übernehmen wir diese Architekturen nie 1:1. Wir fügen eigene Aspekte hinzu oder reduzieren sie.

Im Rahmen eurer diesjährigen Ausstellung im House of Galleries im Frankfurt am Main konnte ich beobachten, wie BesucherInnen irritiert oder überrascht vor euren Arbeiten stehen blieben. Sie dachten eine Form erkannt zu haben, um dann bei näherem Hinsehen zu erfahren, dass zum Beispiel der Putzeimer aus Keramik besteht oder der Lüftungsschacht aus MDF gefertigt ist. Der vermeintlich vertrauten Gestaltung entzieht ihr die Funktion. Warum fasziniert euch dieser Kontrast?

Alice Hauck: Im industriellen Kontext entsteht vieles aus Normen, Vorschriften und funktionalen Anforderungen. Diese Logiken interessieren uns sehr, weil sie Formen hervorbringen, die nicht in erster Linie aus gestalterischen Entscheidungen entstehen, sondern aus Nutzung, Effizienz und technischen Bedingungen. Unsere Arbeiten bewegen sich genau an dieser Schnittstelle zwischen Modell und Architektur, wir greifen solche funktionalen Formen auf und verschieben sie.

Amelie Plümpe: Mich interessiert bei diesem Kontrast vor allem die Verschiebung von Wahrnehmung. Ich wünsche mir, dass die Betrachterinnen und Betrachter bei unseren Arbeiten zwischen Kunst und Realem vergleichen. Viele Objekte und Architekturen im Stadtraum nimmt man kaum mehr bewusst wahr, weil sich das Auge so sehr daran gewöhnt hat. In unserem skulpturalen Modulsystem findet man viele dieser Elemente wieder. Durch das stetige Hinzufügen von Modulen können wir immer größere Landschaften daraus bauen. Wenn wir merken, eine bestimmte Komponente fehlt, fertigen wir sie an. Alice und mich verbindet, dass wir beide diese Faszination für bestimmte Elemente aus dem Stadtraum haben. Ich nenne es gerne kleptomanisches Gefühl gegenüber dem Stadtraum. Wir möchten uns die Teile zueigen machen, indem wir sie skulptural behandeln und dann als Objekte besitzen können.

Amelie Plümpe und Alice Hauck (v.l.n.r.)

Könnt ihr das Bedürfnis euch Stadtfragmente anzueignen etwas ausführen?

Alice Hauck: Die Stadt ist eigentlich ein öffentlicher Raum, wie ein großer Spielraum. Gleichzeitig wird sie durch Zäune, Klingelanlagen und Privatisierung immer weniger zugänglich. Vielleicht ist unsere Arbeit auch ein Versuch, sich ein Stück dieser Welt zurückzuholen, die sich gerade stark verändert. Wir leben und arbeiten in Berlin und erleben diese Entwicklungen dort sehr unmittelbar. Dabei interessiert uns auch das Konservieren von Objekten und Mikroarchitekturen, die aus dem Stadtraum nach und nach verschwinden.

Also auch die Frage: Wem gehört die Stadt?

Alice Hauck: Genau. Vielleicht spielt da auch ein kindlicher Impuls eine Rolle – dieses Gefühl aus der Jugend, als man ohne Angst auf Dächer geklettert ist, weil sie frei zugänglich waren. Heute ist vieles verschlossen. Es geht also auch um eine Art der Zurückeroberung solcher Räume. Gleichzeitig interessiert mich das viele Regeln und Normen bestimmen, wie Räume gebaut und organisiert werden. Wer legt diese Regeln eigentlich fest und wer kann sich darin frei bewegen? Stadt wird oft als öffentlicher Raum verstanden, gleichzeitig ist sie stark reguliert und strukturiert. Fragen nach Zugang, Nutzung und Entscheidungsmacht finde ich deshalb spannend.

Wie entscheidet ihr, welchen Maßstab ein Objekt bekommt?

Alice Hauck: Der Maßstab ist zentral für unsere Arbeit. Viele industrielle Elemente folgen ja bestimmten Normen oder DIN-Maßen. Daran orientieren wir uns manchmal, haben aber gemerkt, das diese Maßsysteme für unsere Arbeitsweise und unseren Körper nicht immer praktisch sind. Deshalb arbeiten wir oft mit eigenen Maßstäben, die sich an unseren Körpermaßen orientieren. Viele unserer Module sind genau darauf zugeschnitten. Vieles entscheidet sich danach, welches Gewicht wir selbst heben und bewegen können. Wenn wir etwas bauen wollen, das größer als unsere eigene Körpermaße ist, konstruieren wir es so, das wir es aus mehreren Modulen zu einem größeren Ganzen zusammensetzen können. Griffhöhen spielen dabei eine Rolle, aber auch in welchen in welchen Maßen wir uns selbst wohlfühlen.

Amelie Plümpe: Es ist auch eine skulpturale Entscheidung. Die Skulpturen sind zu klein um für funktionale Architekturen gehalten zu werden und zu groß, als dass sie reinen Modellcharakter bekommen. Meistens sind die Formen kleiner als die originalen Architekturen und dadurch kann eine Irritation der räumlichen Wahrnehmung zu der Installation entstehen.

Alice Hauck: Gleichzeitig interessieren uns zunehmend Formen aus Logistik und Infrastruktur. Diese Architektur im Originalmaßstab darzustellen würde aber sehr viel Raum einnehmen und ist gar nicht unser Ziel. Deshalb arbeiten wir mit verkleinerten Maßstäben. Unsere Arbeiten bewegen sich dadurch oft zwischen Modell und Architektur, und in manchen Konstellationen vermischen sich diese Maßstäbe auch.

Euer Name, die Overalls, die ihr bei der Performance tragt, euer Baukastensystem, die Nummerierung der Werke und das Design eures Werkkatalogs – all das verweist stark auf Industrie. Warum interessiert euch dieser Bezug?

Amelie Plümpe: Da wir früh im großen Maßstab gearbeitet haben, wurde schnell klar, dass alles um die Ausstellung herum – die Lagerung und Handhabung sowie der benötigte Kraftaufwand – genauso wichtig ist wie die Ausstellung selbst. Diese betrieblichen Aspekte sind wie eine zweite Säule der Arbeit geworden. Sie spiegeln Logistik, Produktion und den Kunstbetrieb wider. Das zeigt sich auch in unseren Katalogen, in denen wir diese unsichtbaren Prozesse sichtbar machen.

Alice Hauck: Uns ist bewusst geworden, dass wir nicht nur Künstlerinnen sind, sondern auch eine Art kleinen Betrieb führen, mit Lager, Produktion, Büro und Steuererklärung. Diese organisatorischen Strukturen haben wir irgendwann selbst als Teil der Arbeit begriffen. Viele industrielle Systeme arbeiten ja genau so: über Logistik, Archivierung, Nummerierung und Abläufe. Diese Formen der Organisation interessieren uns sehr, weil sie normalerweise im Hintergrund bleiben. In unseren Arbeiten versuchen wir, auch diese unsichtbaren Prozesse sichtbar zu machen. In Residenzen haben wir zudem begonnen, auch andere Berufssysteme zu betrachten, etwa im Torhaus oder in einem U-Bahnhof. Wir haben erkundet, wie Schichtsysteme funktionieren und wo Menschen Pausen machen. Die Module wurden anschließend fast zu Bühnenbildern. In einer Videoarbeit haben wir beispielsweise eine Performerin in unserer Fabrik agieren lassen.

Videostills Déformation Profesionelle, Kooperation mit Olga Hohmann, Kamera und Schnitt: Celine Jung, 15:04 Minuten
Videostills Déformation Profesionelle, Kooperation mit Olga Hohmann, Kamera und Schnitt: Celine Jung, 15:04 Minuten

Ein Aspekt, den ich in eurer Arbeit stark wahrnehme, sind Routinen und Gewohnheiten. Welche Rolle spielen wiederkehrenden Prozesse für euch?

Alice Hauck: Das ist eine schöne Beobachtung.

Amelie Plümpe: Für mich spielen Routinen vor allem im konzeptionellen Arbeiten und in unserem Austausch eine Rolle, weniger in den Skulpturen. Routine bedeutet für mich zum Beispiel, Dinge zu archivieren. Das hilft uns, langfristig ein gemeinsames System zu entwickeln. Manchmal arbeiten wir in Sequenzen, manchmal bringt eine von uns bestimmte Module ein. Und dann gibt es natürlich Routinen anderer Berufsgruppen, die wir in neueren Arbeiten thematisiert haben.

Alice Hauck: Als wir unsere Arbeiten in einer Glasvitrine im Berliner U-Bahnhof Alt-Mariendorf ausgestellt haben, wurde uns klar, wie sehr eine Stadt durch Routinen funktioniert. Die U-Bahn fährt im Takt, und wenn sie ausfällt, gerät sofort vieles aus dem Gleichgewicht. Eine Stadt funktioniert durch wiederkehrende Abläufe wie ein Herzschlag. Oft empfindet man Routinen als langweilig oder lästig, besonders wenn der Alltag monoton wirkt. Dabei sind wir ständig davon umgeben – wie hinsichtlich Banküberweisungen, dem Straßenverkehr oder Organisationsprozessen. Man bemerkt das oft erst, wenn man sich bewusst damit beschäftigt. Uns interessieren auch die Routinen anderer Berufe. Unsere Arbeiten greifen Abläufe auf, die normalerweise im Hintergrund stattfinden, zum Beispiel logistische Prozesse oder organisatorische Strukturen. Diese wiederkehrenden Handlungen prägen den Alltag von Städten, Arbeitsorten und Infrastrukturen. Bleiben aber oft unsichtbar.

Amelie Plümpe: Mir geben Routinen sogar Stabilität. Wir sind eine GbR, also eine Art kleines Unternehmen. Das hilft, nicht nur in der Rolle der freischaffenden Künstlerin zu bleiben, sondern sich bestimmte Rahmenbedingungen zu schaffen. Es ist ein Zusammenwirken aus Spiel und organisatorischer Realität.

Alice Hauck: Stimmt, eine gewisse Routine beruhigt. Sie strukturiert den Alltag inmitten künstlerischer Freiheit. Gleichzeitig ist es in der Selbstständigkeit oft schwer, Routinen aufzubauen und beizubehalten.

Amelie Plümpe: Und vieles, was Künstlerinnen tun, bleibt unsichtbar – alles, was neben der eigentlichen Ausstellung passiert. Ein großer Teil der Arbeit besteht aus Organisation, Kommunikation und Verwaltung. Diese unsichtbare Arbeit ist immer Teil des Ganzen.

Warum ist es euch wichtig, diese unsichtbaren Prozesse sichtbar zu machen?

Alice Hauck: Mich macht es wütend, wenn diese Arbeit unsichtbar bleibt oder nicht darüber gesprochen wird. Dinge funktionieren einfach – aber die Menschen dahinter sieht man nicht. Das treibt mich an.

Amelie Plümpe: Bei uns entsteht dieses Bedürfnis auch aus dem gemeinsamen Arbeiten. Viele Bestandteile im Atelier bekommen einen fast performativen Charakter – unser Umgang miteinander, unsere Kleidung, unsere Abläufe. Die konzeptionelle Schärfung kam erst später. Ich habe das Gefühl, die Wurzel liegt in unserem eigenen Arbeitsumfeld und ist mit der Zeit gewachsen. Inzwischen wird der Ansatz zunehmend politischer.

Arbeitet ihr mit 3D-Modellen, skizziert oder geht ihr direkt in den Raum?

Amelie Plümpe: Tatsächlich mit allem was du aufzählst. Je nach Projekt, Größe und Umfang bauen wir 1:1 Attrappen in den Raum, wir skizzieren oder bauen 3D Modelle. Ein 3D Modell kommt aber niemals an ein analoges, haptisches Modell heran. Der Herstellungsprozess des Bauens und der Umgang mit Maßstäben und Material im Modell ist für mich sehr wichtig für die Entwicklung der Skulpturen.

Alice Hauck: Vieles müssen wir im Raum ausprobieren, weil unsere Arbeiten stark mit Körpermaß, Bewegung und Durchgängen zu tun haben. Dafür bauen wir oft einfache Attrappen aus Pappe, um Formen und Größen direkt zu testen. Ich erinnere mich zum Beispiel an unsere Kellerklappe. Wir haben sie mehrfach als Attrappe aus Pappe gebaut, um auszuprobieren, wie hoch sie sein muss, damit wir gut hindurchkommen und uns beim Durchklettern wohlfühlen. Solche Tests funktionieren in einem digitalen Modell nur begrenzt, man merkt erst im Raum, wie sich etwas wirklich anfühlt. Vieles entsteht dabei direkt im gemeinsamen Tun. Diese Momente mag ich besonders: wenn wir während des Bauens im Dialog denken und entscheiden.

Amelie Plümpe: Wir können nur bis zu einem gewissen Punkt allein entwerfen. Der eigentliche Entwurf entsteht erst, wenn wir zusammenkommen und im Raum arbeiten.

Ihr werdet als Bildhauerinnen bezeichnet, als Künstlerinnen, als Architektinnen des Raums. Gibt es eine Bezeichnung, die ihr bevorzugt?

Amelie Plümpe: Wir sind Künstlerinnen.

Alice Hauck: Für mich ist das genauso. Und ich glaube, aus diesem Künstlerinnenduo ergeben sich viele Abzweigungen dessen, was wir eigentlich sind. Man sieht es nicht immer sofort, aber weil wir unsere Arbeiten im Atelier ständig neu anordnen und uns im Raum bewegen, sehe ich uns auch als Performerinnen. Performerinnen, die sich ihre eigenen Bühnen bauen.

Ihr habt an der UdK Berlin bei Carsten Konrad studiert, der mit gefundenen Alltagsgegenständen architekturbezogene Arbeiten entwickelt. Was davon habt ihr in eure Selbstständigkeit übernommen – sei es aus seiner Lehre oder aus der Art, wie an der UdK unterrichtet wurde?

Amelie Plümpe: Aus einem Kunststudium nimmt man natürlich viel mit, besonders wenn man wie wir das Privileg hatte, große Werkstätten und ein eigenes Atelier nutzen zu können. Genau diese Ressourcen hatten wir nach dem Studium erst einmal nicht mehr, was eine große Herausforderung war. Wir brauchen Holz-, Keramik- und Metallwerkstätten, Formenbau, also Bereiche, die viel Raum und Infrastruktur benötigen. Wir mussten uns das Stück für Stück neu erschließen, zum Beispiel über den Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler und die Bildhauerwerkstätten in Berlin.

Alice Hauck: Für mich ist es etwas Grundsätzliches: Mut. Mut, Dinge auszuprobieren, sich etwas zuzutrauen, groß zu denken. Vor dem Studium hätte ich mir nicht vorstellen können, in solchen Dimensionen zu arbeiten. Auch die Haltung "Wir brauchen eine Säge, also besorgen wir uns eine" kommt aus dieser Zeit. Dieses Selbstverständnis, dass man Dinge lernen, testen und sich erarbeiten darf, habe ich auf jeden Fall mitgenommen.

Amelie Plümpe: Was mir dazu noch einfällt, ist die große Freiheit im Arbeiten. Im Vergleich zu anderen Universitäten. Soweit ich das beurteilen kann, musste man an der UdK früh lernen, sich selbst zu organisieren und eine eigene Selbstständigkeit im Arbeitsprozess zu entwickeln. Es ist das Gegenteil eines streng durchstrukturierten Studiums.

Alice Hauck: Ja, und genau dieser Freiraum fördert dieses Mutigsein und Sich-Ausprobieren-Dürfen.

Woran arbeitet ihr gerade?

Amelie Plümpe: Unsere nächste große Ausstellung startet am 12. Juni 2026 in der Filiale in Frankfurt, das ist unsere zweite Soloschau dort. Ohne zu viel zu verraten: Es wird wieder stark um industrielle Räume gehen und um die Menschen, die sich darin bewegen.

2018 habt ihr Hauck Plümpe gegründet – welche Entwicklung habt ihr in eurer Arbeit rückblickend vollzogen?

Alice Hauck: Für mich ist alles aus dem Prozess heraus entstanden. Keine Arbeit steht für sich allein, es geht immer organisch weiter. In meinem Kopf ist es ein fließender Verlauf, bei dem sich alles gegenseitig aufbaut. Manchmal tauchen neue Begriffe oder Themen auf, die wir weiter erkunden möchten, wie zum Beispiel unsere Filmarbeit. Ich würde mir wünschen, dass es weiterhin so organisch wächst.

Amelie Plümpe: Ich glaube auch nicht, dass es dem Werk guttun würde, ein großes festes Ziel zu formulieren. Vieles ergibt sich aus dem, was wir noch angehen wollen – Themen, die uns interessieren, oder Dinge, die noch offen sind. Aber es gibt keinen festen Fahrplan. Es hängt stark vom Ausstellungsrahmen ab: ob es eine Galerie ist, ein Kunstverein, wie viel Platz wir haben, wie spielerisch wir arbeiten können. All das beeinflusst die Entwicklung.


Tipp:

Hauck Plümpe @ Galerie Filiale
13. Juni bis 18. Juli 2026
Vernissage am 12. Juni
Stiftstrasse 9
60313 Frankfurt am Main

Öffnungszeiten:

Di bis Fr 14 – 18 Uhr
Sa 11 – 15 Uhr