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Wasserversorgungssystem von Paris, Stich aus La Nature, Frankreich

Mit den Mikroben bauen

"We the bacteria: Notes toward Biotic Architecture" heißt eine aktuelle Publikation von Beatriz Colomina und Mark Wigley, die bei Lars Müller Publisher erschienen ist. Als Fortsetzung des Buches "Are We Human?" gedacht, ist dieses als Manifest für eine alternative Architekturphilosophie verfasst.
von Anna Moldenhauer |

Die beiden ArchitekturhistorikerInnen tauchen für "We the bacteria: Notes toward Biotic Architecture" tief hinein in die mikrobielle Welt, zu der sich der Homo sapiens vor etwa 300.000 Jahren vergleichsweise erst seit kurzem gesellt hat. Wir erfahren in dem 352 Seiten umfassenden Werk, dass wir von viel mehr Mikroben als menschlichen Zellen bewohnt werden und sich deren höchste Dichte in der gesamten Biosphäre im Dickdarm des Menschen befindet. Das sich das Mikrobiom des menschlichen Darms und das des Bodens einst gemeinsam entwickelt haben und wir uns mit der Schaffung von Gebäuden und Städten im Grunde einer Art unbewussten Experiment in der Biotechnologie unterziehen, ein genetisches Experiment zur Veränderung des Menschen. Die Architektur schützt uns so vor vielfältigen Gefahren, begünstigt aber parallel die Ausbreitung von Krankheiten, da sich in Räumen, auf Oberflächen, Materialien und Systemen bestimmte mikrobielle Gemeinschaften kultivieren, so die AutorInnen. So wären nicht die Menschen die wahren GestalterInnen der Architektur, sondern die Krankheiten, auf dessen Auswirkungen diese angepasst wurde. "Die moderne Architektur wurde ausdrücklich als antimikrobielles Projekt konzipiert – wobei sich die einflussreichsten Architekten und Historiker sogar als Bakteriologen bezeichneten." Über die Beziehung zwischen Mikroben und Architektur nachzudenken, sei es ein Gebäude, ein Raum oder ein Möbelstück, bedeute auch sich mit der Zukunft der Menschen und unzähliger anderer Arten auseinanderzusetzen.

Bernard Bijvoet, Jan Duiker, Freiluftschule für gesunde Kinder, Amsterdam, 1927–1930

Beatriz Colomina und Mark Wigley haben in ihrer interdisziplinären Recherche die Beziehung zwischen Krankheit und moderner Architektur erkundet. Sie legen dar, wie die aufgrund der Pandemien des 19. Jahrhunderts in den industrialisierenden Städten entstandenen Reformen unsere heutige Infrastruktur formten und inwiefern ArchitektInnen und DesignerInnen ihre Gestaltung zu Gunsten von Hygienevorkehrungen ausrichteten. Der Architekt Edward William Godwin setzte beispielsweise bereits Mitte des 19. Jahrhunderts auf weiße Wände, helle und luftige Räume, die ästhetisch denen der Krankenhäuser ähnelten. Auf Stoffe oder Leisten wurde verzichtet, aus Sorge dort könnte sich Schmutz und somit Krankheitserreger festsetzen. Für die Ausstattung empfahl er wenige Möbel, abnehmbare Sitzflächen, minimale Fugen, keine Tapeten und leicht zu reinigende Teppiche. Mit dem "Weißen Haus", das Godwin 1878 entwarf, übertrug er die schmucklose, desinfizierbare und demnach hygienische Ästhetik mit einer Fassade aus weißen Ziegeln auf das Äußere.

Dr. E. P. Léon-Petit entwickelte zudem mit dem Architekten Gustave Rives die Gestaltung einer "chambre hygienique", ein Hotelzimmerprototyp, der die Übertragung von Tuberkulose unter den Gästen verhindern sollte. Beginnend mit der Exposition Universelle 1900 in Paris war die Installation auf Messen und Fachtagungen zu erkunden und trug dazu bei, das infolgedessen zahlreiche Hotels nach dem Modell gestaltet wurden. Wir erfahren darüber hinaus, dass die feministische Schriftstellerin und Pionierin der Hauswirtschaft Helen Campbell in der Zeitschrift House Beautiful 1899 feststellte, dass die Mikrobe der aktivste Förderer fortschrittlicher Innenarchitektur sei: "Ohne ihn wären die besten Formen der Innenausstattung noch immer nur ein Traum der zu progressiven Architekten".

Glatte weiße Wände, einfache, leicht zu reinigende Innenausstattung sowie eine Architektur, die viel Tageslicht und eine umfangreiche Belüftung ermöglichte, standen aufgrund der sich schnell verbreitenden Infektionskrankheiten einst im Fokus. Jene waren somit ebenso verantwortlich für die Entwicklung einer neuen architektonischen Typologie, das Sanatorium. Inklusive der speziell erdachten Innenausstattung – von indirekten Lichtquellen, beruhigenden Deckenfarben und gepolsterten Liegestühlen über Waschbecken, deren Oberfläche Spritzwasser reduzieren sollte, bis zu Türgriffen, in denen sich die Kittel der ÄrztInnen nicht verfangen konnten. Eine Gestaltung für den "horizontalen Menschen", der die meiste Zeit des Tages liegend verbringt. Der Architekt sollte für den Menschen in der schwächsten Position entwerfen, stellte der finnische Architekt und Städteplaner Alvar Aalto (1898-1976) einst fest. Die moderne Architektur ist in diesem Sinne ein medizinisches Projekt.

Laut der AutorInnen war die Werkbundausstellung "Die Wohnung", in dessen Kontext 1927 die Mustersiedlung "Weißenhof" im Stil des Neuen Bauens in Stuttgart entstand, in vielerlei Hinsicht eine Gesundheitsausstellung. Eine Wohnsiedlung, die nicht nur neue und erschwingliche Lösungen für den modernen Großstadtmenschen zeigte, sondern mit zahlreichen Freilufträumen auch die Gesundheit des Menschen in den Mittelpunkt stellte. Parallel war das Möbeldesign zukunftsweisend, von Tagesliegen über bewegliche Betten bis zum revolutionären Kragstuhl aus Stahlrohr, den Architekt Mart Stam im Rahmen der Eröffnung der Weißenhof-Siedlung Stuttgart erstmal präsentierte, nachdem er zuvor mit Gasleitungsrohren eine klare Form erdacht hatte. Auf das Wesentliche reduziert, vermittelt der Stuhl das Gefühl "wie auf Luft" zu sitzen, da die Konstruktion ohne Hinterbeine auskommt. Es folgten die Freischwinger von Mies van der Rohe und Marcel Breuer. "Moderne Gebäude waren ein aktives Antibiotikum, das Krankheiten sowohl heilen wie verhindern konnte. Was in Sanatorien erprobt worden war, wurde Teil der Alltagsarchitektur", so die AutorInnen. Demzufolge stellen unsere Städte eine Art Ansammlung von Krankheitstheorien von der Antike bis zur Gegenwart dar.

Schatzalp Sanatorium, Davos, vom Sanatorium de la Schatzalp zur Behandlung von Lungenerkrankungen, Davos Platz, prospectus, ca. 1900

"We the bacteria: Notes toward Biotic Architecture" ist ein Aufruf für eine Biotische Architektur, die von Mikroben lernt. Menschenzentrierte Architektur sei ungesund für Menschen und unzählige andere Arten. Die AutorInnen zeigen auf, wie die Wirkweise der Mikroorganismen unserer Gesundheit in Räumen dienen könnte: Während der COVID-19 Pandemie setzten die Mikrobiologin Elisabetta Caselli und ihre KollegInnen beispielsweise nützliche Mikroben an den Wänden von sechs öffentlichen Krankenhäusern in Italien ein, anstatt Desinfektionsmittel zu verwenden. Das Ergebnis war eine Verringerung der Krankheitserreger um 90 Prozent und eine Reduzierung der Resistenzgene. Die effektivste Reinigung bestehe demnach darin, Mikroben hinzuzufügen, anstatt sie zu entfernen. Eine Architektur, die Biodiversität fördere, müsse selbst biodivers sein. Eines der ungesündesten Merkmale der heutigen bebauten Umwelt wäre, dass sie eine Monokultur ist.

Architektur konstruiert den Menschen – Gebäude, die auf das Leben außerhalb ausgerichtet sind, steigern die Aufenthaltsqualität im Inneren, so die AutorInnen. Ihr Fazit: Biotische Architektur hat viele Zukunftsperspektiven. Und wir beginnen gerade erst die Welt der Mikroorganismen zu verstehen. Eine spannende Lektüre, die aufzeigt, wie stark die Architektur mit den Wissenschaften verwoben ist und Impulse für eine ganzheitliche Betrachtung setzt.

We the bacteria: Notes toward Biotic Architecture
AutorInnen: Beatriz Colomina und Mark Wigley
Verlag: Lars Müller Publishers
Taschenbuch
Sprache: Englisch
352 Seiten, ca. 319 Abbildungen
ISBN: 978-3-03778-783-0
2025
20 Euro

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