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Apocalypso Installationsansicht, MLAG Norwegen

Anders als erwartet

Xenia Lesniewski verschiebt die Grenzen zwischen Kunst, Design und Alltag. Ihre Installationen und Objekte irritieren, amüsieren und stellen gewohnte Lesarten infrage. Im Gespräch erzählt sie, wie Schnittstellen als Werkzeuge dienen und weshalb offene Prozesse für ihre künstlerische Praxis zentral sind.

Anna Moldenhauer: Du hast an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach im Fachbereich Kunst sowie in Wien Malerei, Tapisserie und experimentellen Animationsfilm studiert und von Anfang an multidisziplinär gearbeitet. Du möchtest dich weder festlegen noch zu einer Marke werden. Warum?

Xenia Lesniewski: Das hat viel mit dem klassischen Bild von KünstlerInnen zu tun – diesem Geniekult, der auf Wiedererkennbarkeit und Ellenbogenmentalität setzt. Ich finde es zeitgemäß, sich davon zu lösen, Kunst vom Sockel zu holen und bewusst nicht mehr diesem Klischee entsprechen zu wollen. Dazu gehört für mich auch das Arbeiten im Kollektiv oder das Suchen nach alternativen Formen. Natürlich ist mir bewusst, dass man am Ende trotzdem wieder vermarktbar ist – aber eben nicht in den üblichen Narrativen.

Du arbeitest multidisziplinär. Wie entscheidest du, welches Medium du für welchen Ausdruck nutzt?

Xenia Lesniewski: Das hängt immer vom Projekt ab. Der Kontext bestimmt die Form. Manchmal möchte ich eine Situation räumlich umsetzen, manchmal entsteht eine malerische Arbeit. Jede Herangehensweise erzeugt eine andere Begegnung mit den BetrachterInnen. Es macht einen Unterschied, ob etwas sofort als Kunst erkennbar ist oder ob ich einen Raum schaffe, der an Alltagssituationen erinnert. Eine Zeit lang hat mich dieses räumlich-performative Arbeiten stärker interessiert als klassische Medien. Ich mag es, wenn BetrachterInnen sich verhalten müssen und nicht nur passiv konsumieren.

Xenia Lesniewski

Ich habe gelesen, dass du oft mit der Malerei beginnst. Ist das noch so? Wenn ja: warum?

Xenia Lesniewski: Ja, wahrscheinlich weil ich so begonnen habe. Als ich noch keine Vorstellung davon hatte, was Kunst alles sein kann, bedeutete "Künstlerin sein" für mich schlicht "Malerin sein". Der Kosmos zeitgenössischer Kunst war mir damals noch gar nicht bewusst. Diese Prägung wirkt bis heute nach. Gleichzeitig arbeite ich mittlerweile so frei, dass alle Medien für mich interessant sind. Ich entscheide je nach Situation neu. Und ich habe mir erkämpft, dass mich niemand nur auf eine Sache festlegt — also "die, die nur Papierarbeiten macht" oder "nur Performances". Diese Offenheit empfinde ich als sehr wichtig und möchte sie unbedingt bewahren.

Du greifst oft Gestaltung aus dem Alltag auf und führst sie ad absurdum: Eine Waschmaschine, die ausläuft; ein Laptop, der qualmt; ein Bett, durch das eine Mauer verläuft; ein riesiger aufgerissener Briefumschlag. Du entziehst den Dingen ihre Funktion und erzeugst starke Reaktionen – Belustigung, Erstaunen, Erschrecken. Was interessiert dich an diesem Wechsel von Funktion und Dysfunktion?

Xenia Lesniewski: Vieles von dem, was du beschrieben hast, trifft meine Intention gut. Mich interessiert, wie man einer Arbeit begegnet. Alltagsobjekte wie Kaffeemaschinen, Briefumschläge oder Betten sind niederschwellig – sie erzeugen keine Berührungsängste, wie es zum Beispiel ein altmeisterliches Gemälde aus dem 16. Jahrhundert tun würde, dem man ehrfürchtig begegnet. Und dann kommt die Irritation: die Panik, wenn der Computer "brennt", oder die Kaffeemaschine "überläuft". Diese kleinen Risse in der Wahrnehmung schaffen für mich Momente, die sehr wertvoll sind. Auch die Überschneidung von Design und Kunst interessiert mich sehr. In der Kunst gibt es oft die Angst, sich für eine Seite entscheiden zu müssen: Kunst oder Design, Kunst oder Mode. Dabei entstehen genau an diesen Schnittstellen überraschende Reibungen.

Installationsansicht House of Galleries, Zeller van Almsick x Jean Claude Maier, Trianon Tower Frankfurt 2026: XL Envelope, Acrylic and colored pencil on paper, PE foil 180 x 111 cm
Installationsansicht Explodierende Kosten, Galerie Jean Claude Maier Frankfurt. You fought hard and you saved and earned, 2025, MacBook Pro, speaker, sound loop, 9 Artforum magazines, diffuser, variable dimensions
Apocalypso Angst, 2023

Es wird bisweilen unterschätzt, wie sehr Gestaltung unseren Alltag prägt. Die Störung in der gewohnten Form ermöglicht einen Raum zur Diskussion.

Xenia Lesniewski: Ja, und sicher spielt auch mein Hintergrund in Offenbach eine Rolle – der Bauhaus-Bezug, der Begriff der "Gestaltung", der so viele Gattungen umfasst. Für mich hat dieser Begriff bis heute Bedeutung, auch wenn ihn in der bildenden Kunst kaum jemand für sich verwendet.

Ich musste beim Betrachten deiner Werke auch an die Readymades von Marcel Duchamp denken – oder an die Pelztasse von Meret Oppenheim.

Xenia Lesniewski: Ein sehr gutes Beispiel: ein alltägliches Objekt, das plötzlich nicht mehr benutzbar ist und zu etwas völlig anderem wird. Da gibt es klare Verbindungen, und ich schätze diese Arbeiten sehr.

Du arbeitest mit vielen Schnittstellen: privat/ öffentlich, innen/ außen, Hochkultur/ Subkultur. Deine Arbeiten sind insgesamt sehr dicht. Was inspiriert dich?

Xenia Lesniewski: Mich interessiert das Sichtbarmachen von Gegensätzen und das Aushalten von Spannungen. Viele dieser Widersprüche begleiten uns alle im Alltag, aber wir lassen sie oft nicht zu. Genau dort setzt meine Arbeit an: Sie schafft Räume, in denen diese Spannungen spürbar und sichtbar werden dürfen.

Selfportrait on car 2014 – ongoing Installationsansicht Antikörper, Fotohof Salzburg

Wie entsteht die Kapitalismuskritik, die oft ein Teil deiner Werke ist? Ist sie geplant eingeflochten oder entsteht sie im Prozess?

Xenia Lesniewski: Beides. Manchmal gehe ich mit einem klaren Gedanken in die Arbeit, aber im Prozess verschiebt sich sehr viel. Ideen werden brüchig, widersprüchlich oder kippen ins Gegenteil. Diese Offenheit ist mir wichtig – unabhängig davon, ob ich allein oder im Kollektiv arbeite. Bedeutung entsteht oft erst im Tun. Gerade im Moment des Zweifelns oder Scheiterns zeigt sich, was wirklich trägt. Meine Kapitalismuskritik ist daher selten ein aufgesetztes Statement, sondern entwickelt sich aus der Auseinandersetzung mit Material, Kontext und den Bedingungen, unter denen wir produzieren.

Du bist viel unterwegs. Wie arbeitest du dabei?

Xenia Lesniewski: Viele Dinge kommen zufällig zu mir, egal wo ich bin. Das gehört zu meiner Arbeit. Wenn ich eine Idee habe, recherchiere ich natürlich intensiver. Aber vieles entdecke ich im Alltag. Und im Studio setze ich dann Dinge um, die über Skizzen oder digitale Entwürfe hinausgehen.

Du greifst auch stark in die Architektur ein – eingezogene Wände, versteckte Türen, ein Portal im Kühlschrank. Dadurch verändert sich die Raumwahrnehmung. Was möchtest du bei den BetrachterInnen auslösen?

Xenia Lesniewski: Mich interessieren Räume generell – architektonische, soziale, poetische. Viele Menschen haben Berührungsängste mit zeitgenössischer Kunst und würden nie von sich aus in eine Galerie gehen. Ich möchte Situationen schaffen, die sie abholen, irritieren und überraschen. Ich sehe großes Potenzial darin: Kunst kann gesellschaftliche Wirksamkeit entfalten, besonders wenn sie sich nicht nur an eine privilegierte Schicht richtet und somit keine klassistischen Ausschlüsse reproduziert, sondern neue Perspektiven eröffnet.

Installation view Bread, Salt and Roses. Site-specific installation at florit/florit gallery, Palma, Spain

Auch dein humorvoller Umgang mit den Themen Tod und Bestattung macht diese zugänglich.

Xenia Lesniewski: Humor kann eine widerständige Kraft sein. Er hilft, mit Situationen umzugehen, die schwer greifbar sind. Bei "Instant Solutions" gibt es eine humorvolle Ebene, aber auch eine klare Kritik an der kapitalistischen Ausbeutung des Sterbens – eines Bereichs, der lange individuell gestaltet war und nun auch mehr und mehr zu einer Art Lifestyleprodukt wird.

Du nimmst sehr viel selbst in die Hand, seien es Buchprojekte mit Edition Furor, die Gründung des KünstlerInnenkollektivs Club Fortuna oder des Ainex Kunstvereins. Was treibt dich an?

Xenia Lesniewski: Ich will gestalten, verändern, Neues ausprobieren – und sehe dafür unzählige Wege. Mit meinem Startup Parxs entwickle ich nebenbei zum Beispiel inklusive und ökosozial produzierte Möbel für den öffentlichen Raum. Ich mag es, Strukturen nicht nur zu nutzen, sondern zu irritieren – deshalb funktionieren meine Objekte oft ganz anders, als man es erwartet. Überall entdecke ich Möglichkeitsräume, und die Zeit reicht vorne und hinten nicht, um all meine Ideen umzusetzen.

Du lehrst an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach. Was möchtest du Studierenden mitgeben?

Xenia Lesniewski: Ich bin im Department Malerei, obwohl meine eigene Praxis viel weiter geht. Das vermittle ich auch: Die Frage nach dem "Warum" ist wichtiger als reine Technik. Natürlich kann ich technisches Wissen weitergeben, aber entscheidend ist der Diskurs – das Hinterfragen, das gemeinsame Sprechen über die Arbeit. Mir ist es wichtig, die Malerfürsten vom Podest zu holen. Wir machen Fehler wie alle anderen. Kunst betrifft alle und kann sehr durchlässig funktionieren.

Apocalypso, Installationsansicht Galerie Oel-Früh Hamburg, 2023
Apocalypso, Traunkirchen, 2024

Welche Themen beschäftigen die Studierenden?

Xenia Lesniewski: KI und technologische Entwicklungen – wie sie künstlerisches Arbeiten und soziale Räume verändern. Dann politische Entwicklungen, die uns alle betreffen. Und das große Thema Identität, das in den letzten Jahren sehr präsent war. Ich glaube weiterhin, dass Kunst Hoffnung und Selbstbewusstsein geben kann, Zukunft mitzugestalten.

Woran arbeitest du aktuell?

Xenia Lesniewski: Derzeit arbeite ich an vielen Projekten: In Deutschland entwickel ich ein Kunst-am-Bau-Projekt, und Ideen für Arbeiten im öffentlichen Raum, die unabhängig von Ausstellungen bestehen können. In Zusammenarbeit mit Andrea Bier werde ich im Rahmen ihres Residency-Programms Air101 in Gmunden im Juli meine erste Metallskulptur für den Außenraum realisieren. In Berlin stehen zwei Ausstellungsprojekte an: eins zum Gallery Weekend im Mai und eins mit dem Haus des Papiers im Juni. Mit meinem Kollektiv "CLUB FORTUNA" eröffnen wir am 18. März die Ausstellung "BESSER WIRD’S NICHT" in einem Wiener Projektraum. Außerdem unternehme ich eine Recherchereise nach China – nach Hongkong, Shenzhen, Shanghai und Peking –, um neue Impulse für meine Arbeiten zu sammeln.

Installationsansicht Neujahrsempfang bei Neckar Projects Wien, Sektempfang 2026. XL invitation, Acrylic, graphite, ink and colored pencil on paper, 210 x 170 cm