Ort in der Ortlosigkeit
Schon in der Grundlehre hören Studierende der Architektur stets, wie wichtig der Ort für den Entwurf ist. Typus und Topos, immer wieder ist von diesem Begriffspaar die Rede. Gemeint ist das Verhältnis zwischen dem Ort und dem Gebäude, das man an und für diesen Ort entwirft. Der Ort, so die These, beeinflusst den Entwurf maßgeblich. Dafür aber, dass dieser spezifische Ort angeblich so wichtig ist für die Entstehung von Architektur, sehen Gebäude, nebenbei bemerkt, landauf, landab erstaunlich gleich, ja mitunter austauschbar aus. Dennoch: In einer historischen Kernstadt, mit Blick auf die See oder am Hang eines Berges ist es relativ leicht auszumachen, welch Geist diesem Ort innewohnt, was die Atmosphäre prägt und wie darauf architektonisch eingegangen werden kann. Erschwert wird die Aufgabe, Architektur zu machen, wenn der Ort als solcher kaum, schwer oder gar nicht zu fassen ist. Der Südrand des Flughafengeländes in Frankfurt am Main ist solcher Unort. Statt einen konkreten Genius loci ausmachen zu können, sieht er eher aus wie ein von allen guten Geistern verlassenes Fleckchen Erde.
Nördlich der Rollfelder befinden sich, direkt an Autobahn 3 und Zuglinie gelegen, die beiden bestehenden Terminals des Flughafens. Während Terminal 1 im laufenden Betrieb saniert wird, ist das in den späten 1990er-Jahren fertiggestellte Terminal 2 bereits ein Sanierungsfall. Eine lange Schließung für Renovierungsarbeiten steht an. Ein zweistufiger internationaler Wettbewerb fragte schon 2001 nach einer Erweiterung der nördlichen Terminals um eines im Süden der Start- und Landebahnen. Foster+Partners gewannen den städtebaulichen Ideenteil, drei Jahre später wurde der architektonische Realisierungswettbewerb ausgelobt, in dem sich das Frankfurter Büro Mäckler Architekten durchsetzen konnte – eine Art innerfamiliärer Zirkelschluss, hatten doch Christoph Mäcklers Vater Hermann und dessen Büropartner Alois Giefer das Terminal 1 zwischen 1965 und 1972 gemeinsam mit dem Flughafenbauspezialisten Heinrich Kosina geplant und realisiert.
Wie der Vater, so der Sohn
Um welche Ausmaße es sich bei einem solchen Projekt handelt, wird deutlich, wenn man die Projektion des neuen Terminals auf den Stadtplan der Main-Metropole legt: Terminal 3 mit seinen Vorfeldern ist in etwa so groß wie die historische Frankfurter Kernstadt und würde sich ziemlich genau vom Willy-Brandt-Platz im Westen bis zur Friedberger Anlage im Osten, vom Main im Süden bis deutlich über die Konstabler Wache im Norden hinaus erstrecken. Nach Baubeginn im Jahr 2015 und pandemiebedingten Verzögerungen nimmt das neue Terminal nun fristgerecht im April 2026 seinen Betrieb auf, künftig sollen hier jährlich 19 Millionen Passagiere auf Reisen geschickt und empfangen werden können.
Der Ortlosigkeit begegnen Christoph Mäckler und sein Team mit einer nachgerade ironischen Geste: die große Empfangshalle, in der die Check-in-Schalter Platz finden, ist eine Interpretation der wohl ortlostens Architektur der Bundesrepublik, nämlich der schönen Halle von Ludwig Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie. Entworfen hatte van der Rohe den Bau 1957 für Kuba, wo es als Hauptquartier eines Rum-Produzenten dienen sollte, realisiert wurde es zwischen 1962 und 1968 als wenig funktionaler, aber ikonischer Museumsbau im märkischen Sand Berlins. Es ist ein wahrlich eindrücklicher Raum, der dem Frankfurter Büro mit dieser Interpretation gelungen ist, kongenial ergänzt durch die hypnotisierende kinetische Skulptur "The First, the Last, Eternity" des Künstlers Julius von Bismarck. Wie große Donuts hängen die drei aus eingefärbten Aluminium-Scheiben gefertigten Objekte unter der 18 Meter hohen Decke, drehen sich dabei sowohl in sich als auch um die eigene Achse. So wirkt es, als krempelten sie sich eigenständig fortlaufend selbst um. Die Scheiben, die die Ringformen bilden, weisen unterschiedliche Silhouetten auf, sodass sich dauerhaft verändernde Musterungen auf den Oberflächen der vom Auge zu Rotationskörpern vervollständigten Objekte bilden. Eines zeigt die Topografie der Erdoberfläche. Nichts stört den Blick unter diesem großen, weitspannenden Dach, dennoch hätte man auch der Halle schönere, vom Architekturbüro geplante, Espresso-Bars gegönnt, und nicht jene lieblosen Holzverschläge, die jetzt dort stehen.
Solide Zurückhaltung
Wo andere Flughäfen mit pflegeleichten und vermeintlich wertvollen Materialien aufwarten, deren polierte Steinböden, Glasscheiben und Edelstahlgeländer um die Wette glänzen, dominiert im Terminal 3 nun ein warmes Braun der matten Natursteinböden, das im durchgefärbten Beton der Fertigteile für Fassadenelemente, Pfeiler und Deckenunterzügen aufgenommen wird. Gekontert werden diese sandigen Töne durch dunkles, fast schwarzes Metall, das für Bleche aller Art zum Einsatz kommt: Schiebetore vor Ladenlokalen, Kioskeinbauten, Abhangdecken. Diese Farbdualität zieht sich durch den gesamten Bau.
Statt wirrer Wege durch Shoppingmall-gleiche Duty-Free-Angebote, führt der Gang von der Check-In-Halle durch die Sicherheitsschleuse in eine Art zentralen Marktplatz. Eine amorphe Deckenstruktur, entworfen vom Stuttgarter Büro Lava, schwappt von der Decke herab und führt Tageslicht durch im Inneren prismatisch verkantete Lichtkanonen in den Raum, dessen Grundfläche eine Reminiszenz an die Piazza Navona in Rom zu sein scheint. Ursprünglich in einem schönen Dunkelblau gehalten, sind die Wandflächen oberhalb der Shops auf Wunsch der Betreiber leider schon vor Inbetriebnahme weiß überstrichen, wodurch die Installation von Lava weitaus weniger gut zu Geltung kommt.
Die Piers, an denen die Gates aufgereiht sind, wirken wie lange Straßen. Symmetrische, seitliche Einbauten nehmen auch hier Kioske und Bars auf und sind als schöne kleine Pavillonarchitekturen ausgeführt, die mit ihren dunklen Metalldächern wie eingestellte, eigenständige Objekte in der viele hundert Meter langen Struktur wirken. Die Betonfertigteile der Außenfassaden takten den langen Bau, sie nehmen die Form des Y auf, das sich in Form von Stützen, Unterzügen und Profilen immer wieder im und am Haus zeigt. Obschon rund ein Viertel der Fassade durch diese breiten Profile geschlossen ist, lassen die großen Fenster den langen Bau dennoch überraschend hell erscheinen. Selbst an einem trüben Tag Ende Februar ist die Licht-Wirkung im Innenraum warm und von einfallendem Tageslicht geprägt: warmleuchtende LEDs sind so in die Deckenstruktur eingelassen, dass man in der Flucht des langen Raums keine Leuchtkörper wahrnimmt.
Oberhalb der Piers nimmt je eine Stahlbrücke alle technischen Infrastrukturen auf, sodass diese bei Bedarf ausgetauscht werden können, ohne die Abläufe im Innern zu stören. Überall im Gebäude finden sich zudem massive Stahlschranktüren in den Wänden. Diese, typisch für Mäckler, diagonal geteilten Elemente, sind eigentlich Retentionsklappen, und machen die Haustechnik im Fall der Fälle zugänglich. Auch die Wege sind logisch organisiert: Im zweigeschossigen Pier werden die Nicht-Schengenraum-Flüge ohne Wegekollisionen souverän aneinander vorbei geleitet, der andere, eingeschossige Pier nimmt die Gates für die Destinationen im Schengenraum auf.
Loci sin loci
Überraschend ist auch die Halle, in der die Reisenden ihr Aufgabegepäck an den üblichen Gepäckbändern nach dem Flug wieder entgegennehmen. Auf Erdgeschossebene befindet sich der Raum dafür unterhalb der Eingangshalle. Aufgrund statischer Notwendigkeiten galt es hier, Stützen mit unterschiedlichen Umfängen einzufügen. Christoph Mäckler und sein Team überspitzen diese Notwendigkeit mit dem für das Büro charakteristischen Formwillen: Wie ein Stützenwald wachsen die unterschiedlichen Pfeiler nun der Decke entgegen. Mal dicker, mal dünner, mal mit einem geschwungenen Kapitell mit der Decke verbunden, mal in kreisrunden, in zwei unterschiedlichen Durchmessern ausgeführten, Leuchtenkapitellen auslaufend, dann wieder ansatzlos in der Abhangdecke verschwindend und durch sie hindurch wachsend.
So überzeugt das neue Terminal 3 als Struktur, die robust genug ist, um die Flughafen-spezifischen, fortwährenden Anpassungen durch Ein-und Umbauten in hoher Frequenz gut verkraften können. Dem Büro Mäckler Architekten ist hier das Kunststück gelungen, inmitten der Ortlosigkeit einen wahrhaftigen Ort zu schaffen, der Reisenden optisch wie atmosphärisch Ruhe ermöglicht.
Am 23. April 2026 nimmt Fraport das neue Terminal 3 am Flughafen Frankfurt in Betrieb.



























