Architektur der Ermöglichung
Florian Heilmeyer: Herzlichen Glückwunsch! Eure Arbeit für das Zentrum für Kunst und Urbanistik (ZK/U) in Berlin, die Erweiterung und Sanierung eines bestehenden Güterbahnhofs auf einer Bahnbrache neben der Stadtbahntrasse, ist dieses Jahr mit dem DAM Preis ausgezeichnet worden. Wie zufrieden bist du selbst mit dem Gebäude?
Peter Grundmann: Ich bin eigentlich nie zufrieden. Als Architekt lernt man das zwar über die Jahre, dass man zufrieden sein muss. Man kann nicht ständig von vorne anfangen und jeden Montag eine neue Architektur erfinden. Da hat man keine Wahl. Ich habe mir also angewöhnt, mit Projekten zufrieden sein zu wollen. Und in diesem Sinne bin ich mit dem ZK/U schon zufrieden.
Vielleicht ist das gerade bei deiner Art zu arbeiten ein bestimmtes Problem, zu definieren, wann ein Raum oder ein Gebäude "fertig" ist? Ihr verbringt als Team immer sehr viel Zeit auf der Baustelle, legt selbst mit Hand an und verändert noch Dinge, die euch auffallen oder die anders besser gelöst werden können als vorher gedacht.
Peter Grundmann: Ja, vielleicht auch das. "Abgeschlossen", das ist ja auch so ein großes Wort. Was soll das denn genau heißen? Beim ZK/U geht es um ein Kulturgebäude, in dem ein tolles, variables, sich ständig veränderndes Programm stattfindet. Das ist lebendig und so soll es auch bleiben: Da kommen und gehen die KünstlerInnen, bringen Ideen mit und bauen wieder was um. Da gibt es Konzerte und Ausstellungen, Kino, den Gütermarkt oder eine Theateraufführung. Das entzieht sich komplett meiner Kontrolle. Zum Glück!
Also ist es auch nie "fertig" oder "abgeschlossen". Das war hier auch Teil unseres Auftrages, dass die Räume so multifunktional und nutzungsoffen wie möglich bleiben sollten. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Hard- und Software. Die Hardware bleibt eher gleich. Die Software ist für die Veränderungen da. Eine Architektur der Ermöglichung, die nur sehr wenig Grenzen setzt. Das ist etwas, was wir als Team gerne machen. So haben wir es auch bei vielen Wohnhäusern umgesetzt: Dass in den Räumen grundsätzlich viele verschiedene Dinge stattfinden können. Das die nicht so viel vorgeben.
Eine der schönsten Eigenschaften eures Anbaus ist, dass er die Wildheit dieser Stadtbrache ringsum und den Charme der alten Gebäude mit ihren Nutzungs- und Gebrauchsspuren auf ganz eigene Art und Weise übernimmt – und gleichzeitig mit seiner Transparenz wie in einer Vitrine ausstellt. Das gibt der Wildheit einen Wert, den sie vorher nicht hatte, ohne sie zu romantisieren oder zu überhöhen.
Peter Grundmann: Als ich das Gebäude und die Leute vom ZK/U kennengelernt hatte, war schnell klar: Das Wilde muss unsere Architektur gar nicht groß abbilden. Das ist alles schon da. Unsere Architektur muss eigentlich nur eine Maschine sein, die die Leute gut benutzen können und die ihnen vielleicht sogar neue Möglichkeiten gibt. Wie die große Dachterrasse zum Beispiel. Natürlich haben wir auch versucht, die Altbauten in Szene zu setzen. Das finde ich sowieso das Schönste, wenn Alt und Neu zusammenkommen. Wenn schon etwas da ist, mit dem du arbeiten kannst. Mit dem du dich auseinandersetzen musst. Das ist oft spannender, als ein neues Haus zu bauen. Da musst du dir dann selbst die Reibungen und Interferenzen ausdenken, die so einen Raum erst vielschichtig und spannend machen.
Der Anbau ans ZK/U ist bislang euer größtes und öffentlichstes Projekt. Es gab vorher das Kino Quillo in einem alten Stall in Falkenhagen, oder den Ferienhof Rehof Rutenberg in Lychen, aber das waren sehr viel kleinere Projekte. Hauptsächlich habt ihr private Wohnhäuser entworfen, viele Umbauten, oft in Brandenburg oder in Mecklenburg-Vorpommern. Auch da habt ihr, wie ich finde, immer sehr sensibel mit alten Gebäuden und verwilderten Landschaften gearbeitet. Ist das ZK/U sozusagen nur ein Maßstabssprung oder konntet ihr eure Art zu arbeiten tatsächlich direkt von den Wohnhäusern auf das Kulturzentrum übertragen?
Peter Grundmann: Es geht uns darum, die Routinen in Frage zu stellen und zu durchbrechen. Wir sind es alle sehr gewöhnt, dass ein Raum für eine bestimmte Funktion entwickelt wird. Ich finde es besser, wenn alle Räume in einem Gebäude spezifische Qualitäten haben, die du alle für unterschiedliche Dinge nutzen kannst. Dass die Räume mit ihrer Größe, ihrer Belichtung, ihren Proportionen nichts unmittelbar vorgeben. Das ist Indeterminierung. Dass man versucht, so wenig wie möglich vorzugeben. Es bleibt den NutzerInnen überlassen, was sie damit anfangen. Die müssen das dann aushandeln oder ausprobieren. Da können die spannendsten Sachen entstehen – übrigens auch in Wohnhäusern, wenn man die alte Hierarchie von Wohn-, Schlaf- und Esszimmer einfach mal weglässt und am Besten auch keinen Flur einplant, sondern offene Zonen, in denen grundsätzlich alles stattfinden kann. Das haben wir Entprogrammierung genannt: Wenn die herrschenden Programme der Räume gelöscht werden und anschließend mit keinem Programm gefüllt werden. In diesen Räumen muss dann alles neu verhandelt werden, und zwar jeden Tag. Es gibt keine übergeordnete Programmierung mehr. Die Akteure werden handlungsfähig.
Und die Interferenz…?
Peter Grundmann: Interferenz ist die Überlagerung von Elementen des Hauses. Wenn man das Haus von der Parkseite betrachtet, sieht man das alte Bahnsteigdach mit seinen genieteten Stützen und Trägern. Dahinter sieht man die außenliegenden Treppen, dahinter die neue Stahlkonstruktion mit vertikalen, horizontalen und diagonalen Elementen. Dann Laubengänge mit Geländer. Dann die Glasfassade. Dann die Innenwände und die innen liegenden Fachwerkträger, bis der Blick auf die gegenüberliegende Glasfassade fällt. Von dort geht es in umgekehrter Richtung weiter. Nur das Bahnsteigdach kann man von der Straßenseite aus nicht sehen.
Das funktioniert nur, wenn alle diese Elemente radikal offen liegen. Dazu kommen die Gegensätze zwischen Alt- und Neubau, die sich berühren, ohne dass eine Vermittlung stattfindet. Alt- und Neubau stehen sich nicht als Gegensätze gegenüber, gleichzeitig verschmelzen sie auch nicht. Das ist mir sehr wichtig, da eine andere Balance zu entwickeln, in der sich Alt und Neu durchdringen, ohne dass das eine das andere beherrscht. So wie hier in dieser doppelten Fassade, wo die neue Glashülle einen Abstand zu den alten Backsteinmauern wahrt. Du kommst rein und stehst erstmal in diesem Galeriegang zwischen Alt und Neu. Du kannst dann entweder im Zwischenraum weitergehen oder du gehst nochmal rein und stehst dann in der alten Halle.
Auf der anderen Seite, nach Norden, wird aus dem Zwischenraum dann ja sogar so ein richtiger Wintergarten, in dem man auch essen kann.
Peter Grundmann: Genau. Wir haben versucht, aus den Interferenzen unterschiedliche Situationen zu erzeugen. Im Obergeschoss zum Beispiel durchdringt der alte Westgiebel die Erdgeschossdecke und taucht als Innenwand wieder auf. Dieser Giebel kann innen und auf dem Laubengang außen umlaufen werden. Du siehst auch die ganze Konstruktion. Da könntest du Statik-Seminare abhalten und den Studierenden direkt am Haus erklären, wie das Tragwerk funktioniert. So wird es zum Medium, das etwas zu erzählen hat, wie ein gutes Buch oder ein gutes Kunstwerk.
Wie in einer gotischen Kathedrale, wo du ja auch den Kraftverlauf verfolgen kannst?
Peter Grundmann: Ja. Fünf Jahre eingesperrt in einer gotischen Kathedrale könnte ein ganzes Architekturstudium ersetzen. Ein Haus darf narrative Eigenschaften haben. Es muss über sich und über den Kontext etwas mitteilen können. Insofern war es wichtig, das Alte nicht mit dem Neuen zu überdecken.
Ihr habt auch die Graffiti so gelassen, wie sie waren, stimmts?
Peter Grundmann: Wir wollten nicht entscheiden, welches Graffiti erhaltenswert ist und welches abgeschliffen werden kann. Also waren alle wichtig, als Teil der Historie, wie so eine Bilderhaut. Ein Teil vom Wilden.
Du hast das doppelte Eintreten schon beschrieben. Wenn man durch die Glaswand tritt, steht man in diesem Zwischenraum – in einer Fuge oder einem Spalt –, und dann geht man durch die Backsteinwand nochmal nach drinnen. Das habe ich als sehr gelungenen Moment empfunden. Es drängt sich nicht auf, aber es passiert doch so etwas wie eine Entschleunigung, ein kurzer Moment des Gewahrwerdens, dass da noch ein altes Gebäude im Neuen steckt.
Peter Grundmann: Das freut mich, dass du das so empfunden hast. Das sehe ich auch so.
Woher kam die Entscheidung, diesen Zwischenraum 1,80 Meter breit zu machen?
Peter Grundmann: Das war einfach die Breite der alten Laderampe. Der Bahnhof hat Rampen an beiden Seiten: An der einen kamen die Züge an, auf der anderen wurden die LKW beladen. Bahnhöfe wurden immer sehr solide gebaut. Der Fußbodenbelag auf der Laderampe besteht aus Stahlfliesen. Das haben wir so belassen. Und die 1,80 Meter Breite haben wir so übernommen, weil sich zum einen alles Neue auf dem alten Fußabdruck befinden sollte. Zum Anderen ist das eine sehr gute Breite. Da können sich zwei unterhalten und trotzdem kommen noch Leute vorbei. Die Halle innen hatte beim ersten Umbau 2012 einen Asphaltestrich bekommen. Den haben wir ebenfalls erhalten. Dadurch war dann keine Fußbodenheizung möglich, stattdessen haben wir Deckenheizplatten montieren lassen.
Auf der anderen Seite, im Wintergarten, da habt ihr auch die alte Konstruktion aufgenommen. Das sieht man an den alten, schön verrosteten Trägern.
Peter Grundmann: Der Wintergarten hat die Breite von den alten Bahnsteigen. Die alten Gebäude haben uns viele Möglichkeiten gegeben, direkt anzuknüpfen.
Ihr seid als Architekturbüro sehr stark auf den Baustellen präsent und macht vieles selber oder gemeinsam mit den HandwerkerInnen. War das hier auch so?
Peter Grundmann: Ja. Täglich wäre sicher übertrieben, aber wir waren schon oft da. Und wir haben einiges selbst gemacht, zum Beispiel alle Verbindungen zwischen der Glasfassade und dem Altbau. Das war dem Fensterbauer zu kompliziert. Die alten Gebäude sind krumm und schief. Also haben wir es selbst gemacht.
Warum seid ihr so viel auf der Baustelle?
Peter Grundmann: Bei einem Umbau ist der Aufwand für die Bauleitung sehr hoch. Und auf ein altes Haus ein neues zu setzen, ist konstruktiv eine große Herausforderung. Es mussten zum Beispiel zehn große Stützenfundamente unter die alten Kellerwände gestellt werden, und das von Innen im Kellergeschoss aus. Vieles lässt sich nur auf der Baustelle lösen. Aber viel Zeit auf der Baustelle zu verbringen, ist auch für den Entwurf von Vorteil.
Im 1:1-Model lassen sich viele Dinge viel besser korrigieren und tatsächlich korrigieren wir bis zum Schluss. Zum Beispiel hatte die Statik der Glasfassadenfirma berechnet, dass es für die fünf Meter hohe Glasfassade im Erdgeschoss 24 Zentimeter tiefe Pfosten braucht, um den Winddruck aufnehmen zu können. Das wäre teuer geworden und hätte auch die Architektur negativ beeinflusst. Also haben wir vorgeschlagen, die Knicklänge der Pfosten durch den Einbau von Diagonalstreben zu den Geschossdecken zu halbieren. Jetzt sind die Pfosten zehn Zentimeter tief.
Wenn du von einer Architektur der Ermöglichung sprichst, dann geht es auch um die Budgets, oder?
Peter Grundmann: Ja, mit weniger Budget ist auch weniger möglich. Aber wir sind mittlerweile damit vertraut, unterfinanziert zu arbeiten. Mit gewissen Strategien kommt mehr Raum für weniger Budget heraus. Leichtbau, intelligente Konstruktionen, offene Oberflächen ohne Verkleidung und ohne Farbanstrich, manchmal auch Selbstbau – das spart Kosten. Das Wiederverwenden von gebrauchten Materialien ebenso. Für die Innenwände im ZK/U wurden zum Beispiel alte Berliner Schultafeln verwendet, die hatten wir kostenfrei bekommen. Alles, was man vom Alten unangetastet lassen kann, spart auch Budget.
Der Umbau des ZJ/U wurde von der EU und dem Berliner Senat gefördert. Die Kosten mussten immer wieder korrigiert und nachgewiesen werden. Wir haben 6,166 Millionen Euro verbaut. Das sind die gesamten Kosten einschließlich aller Nebenkosten. Das ergibt bei 3.200 Quadratmetern inklusive Laubengängen und Dachterrasse einen Quadratmeterpreis von unter 2.000 Euro. Angesichts der für ein Veranstaltungsgebäude mit 1.200 Gästen notwendigen haustechnischen Ausstattung mit Lüftungs-, Rauchabzugs- und Brandschutzanlage ist das ein sehr niedriger Wert. Einfamilienhäuser kosten aktuell deutlich mehr.
Was war die größte Herausforderung?
Peter Grundmann: Es gab viele Herausforderungen. Die Dachterrasse ragt vielleicht heraus. Sie musste für das Worst-Case-Szenario berechnet werden: Wenn 600 Menschen im Takt der Musik hüpfen. Das muss die Konstruktion aushalten. Dafür mussten die Fundamente unter den Kellerwänden ausgelegt werden: Der Keller hat eine Gewölbedecke mit Ziegelstützen, die bei kleinsten Erschütterungen beschädigt werden könnten. Eine Reparatur wäre sehr zeitaufwendig und teuer gewesen. Zum Glück ging alles gut und die Dachterrasse ist jetzt einer der schönsten Ort des Hauses.
Ist die Dachterrasse Dein Lieblingsort im Haus?
Peter Grundmann: Ich mag das ganze Haus, weil es komplex ist und weil es durch den Kontakt zwischen alt und neu viele scheinbar ungelöste Kollisionen gibt. Ich mag das Rohe und radikal Offene. Und ich mag es, dass wir das Außen-Innen-Verhältnis immer wieder umgekehrt haben: Die Laubengänge und Treppen außen und die offenen Räume bilden das wilde Treiben der Gäste und der im ZK/U Arbeitenden wunderbar ab. Und das ist von innen und auch von außen gleichermaßen zu erleben.
Ich war überrascht, dass eure Arbeit mit dem DAM Preis ausgezeichnet wurde. Die großen Architekturpreise zeichnen sonst eher eine andere Art von Architektur aus – Gebäude, die fertig sind und wie aus einem Guß. Was bedeutet die Auszeichnung für Dich und für den aktuellen Diskurs in der Architektur?
Peter Grundmann: Das hat uns natürlich unheimlich gefreut. Gerechnet haben wir damit überhaupt nicht.
DAM PREIS 2026
DIE 23 BESTEN BAUTEN IN / AUS DEUTSCHLAND
Bis 10. Mai 2026
DEUTSCHES ARCHITEKTURMUSEUM (DAM)
Schaumainkai 43
60596 Frankfurt am Main
Telefon: +49 (0)69 – 212 388 44
Stylepark ist in diesem Jahr Medienpartner sowie Teil der Jury des DAM Preises für Architektur in Deutschland.



























