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Frank O. Gehry

Nachruf
Der mit dem Beton tanzte

Zum Tod des kalifornischen Architekten Frank O. Gehry, der Komplexität und Widersprüchlichkeit mit künstlerisch intuitiven Methoden zum Ausdruck brachte. Selten ist im 20. Jahrhundert Bauen so entschieden als Kunst gesehen worden.
von Falk Jaeger |

Es war 1984, an seinem 55. Geburtstag, als Frank Gehry sich nach zehn Jahren erstaunlichen Aufstiegs erstmals zufrieden über seinen Werdegang äußerte. Viele Jahre war er deprimiert gewesen, war als junger Mann tagsüber Lastwagen gefahren und abends zur Schule gegangen, war zuerst unschlüssig über sein künftiges Leben und dann, als junger Architekt, nicht vom Erfolg verwöhnt. Geboren wurde er am 28. Februar 2929 in Toronto als Frank Owen Goldberg, Sohn polnischstämmiger Juden. Mitte der 1940er Jahre zog die Familie aus wirtschaftlichen Gründen nach Los Angeles. Er studierte an der University of Southern California U.S.C zunächst Design und dann bis 1954 Architektur. Dass die Familie 1954 im antisemitischen Umfeld den Namen wechselte, hat der später bewusst sein Judentum lebende Gehry oft bereut.

Nach einem Jahr in Paris eröffnete Gehry 1962 sein Architekturbüro in Los Angeles. Über den Kontakt mit einem Psychiater lernte Gehry andere KünstlerInnen kennen, wie Ed Moses, Jasper Johns, Elsworth Kelly und Robert Rauschenberg. Auch Richard Serra, Claes Oldenburg und Andy Warhol sowie Literaten und SchauspielerInnen zählten zum großen Freundeskreis des allzeit freundlich aufgelegten und zuvorkommenden Baukünstlers. Zu Gehrys Mentor und Förderer wurde der einflussreiche New Yorker Architekt und Kurator Philip Johnson. Johnson war es auch, der Gehry 1988 durch Aufnahme in die legendäre New Yorker MoMA-Ausstellung "Dekonstruktivistische Architektur“ adelte und ihn in eine Reihe mit Daniel Libeskind, Rem Koolhaas, Peter Eisenman, Zaha Hadid, Coop Himmelb(l)au und Bernard Tschumi stellte – und dies nur aufgrund eines einzigen Bauwerks. Der Umbau seines eigenen Vorstadthauses in Santa Monica mit rohen Materialien wie Wellblech, Maschendrahtgittern und Sperrholz in schrägen, splitternden, kippenden Formen wurde zu einer der Inkunabeln der Karambolage-Architektur des Dekonstruktivismus. Später, in den 1980er Jahren, entstanden zahlreiche typisch kalifornische Bauten, nicht so ruppig, nicht so zornig wie sein eigenes Haus.

Als Westküstler verbiss Gehry sich nicht in die Lösung sozialer Probleme und mied den damals virulenten architekturtheoretischen Diskurs um Typus und Bedeutung. Die Architekturphilosophie überließ er KollegInnen wie Peter Eisenman, wenngleich er in der Lage war mitzureden. Ob ein Universitätsinstitut in Connecticut, ob eine Bibliothek in Hollywood, ob eine Villa in Kalifornien oder eine in Minnesota, in jener Zeit baute er Kollagen aus bunten Kuben gegen die grassierende Langeweile der dürftigen Alltagsarchitektur. Unkonventionell, sperrig, überraschen sollten seine Bauten sein, um reibungslose Funktion und perfekte Konstruktion machte er sich keine Sorgen. Stattdessen war Gehry daran interessiert, Komplexität und Widersprüchlichkeit mit künstlerisch intuitiven Methoden zum Ausdruck zu bringen. Selten ist im 20. Jahrhundert Bauen so entschieden als Kunst gesehen worden.

MIT: Computer Science and Artificial Intelligence Laboratory, Cambridge, USA
Neuer Zollhof, Düsseldorf, Deutschland
Walt Disney Concert Hall, Los Angeles, USA
Vitra Design Museum, Weil am Rhein, Deutschland
MOPOP Museum of Pop Culture, Seattle, USA
Fondation Louis Vuitton, Paris, France

Der Welterfolg kam dann mit seiner Hinwendung zu spektakulären, wilden Kompositionen aus gekurvten, gefalteten, gewellten Baukörpern mit dem Guggenheim Museum Bilbao (1991-97) als Höhepunkt seines Lebenswerks. Das Guggenheim wurde zu einem derartigen Publikumserfolg, dass die gesamte Stadt davon profitierte und einen enormen Aufschwung nahm. "Bilbao-Effekt" wird die Methode seitdem genannt, mithilfe eines signifikanten Bauwerks Stadtentwicklung zu forcieren. Doch das gestalterische Repertoire war damit ausgereizt. Nachfolgebauten wie die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles (2003) waren nur noch selbstreferenzielle Kopien, das Biodiversidad Museum in Panama, aus der Ferne einem bunten Altmetallhaufen nicht unähnlich, fiebrige, manieristische Endzeitfantasie des Dekonstruktivismus. Aufsehen erregte er mit dieser Architektur noch einmal mit der Fondation Louis Vuitton in Paris (2014), für dessen eigentliche Zweckbestimmung, nämlich die Ausstellung von Kunstwerken, das skurrile Bouquet gläserner Schirme und Schalenformen gänzlich ungeeignet scheint. Dennoch, der "Bilbao-Effekt", auf den der Bauherr gesetzt hatte, zieht die Besucherströme magnetisch an.

Für Bürobauten hatte Gehry inzwischen eine eigene Bildsprache entwickelt, indem er Kuben quetsche oder zylindrisch abrundete und in kontrastierende Materialien wie Ziegel, Titanblech und Putz kleidete. So zu sehen beim "Tanzenden Haus" (Ginger und Fred) in Prag oder bei seinen Projekten in Deutschland, dem Neuen Zollhof in Düsseldorf (1999), dem Gehry-Tower in Hannover (2001) oder dem Museum MARTa in Herford (2005). Nur einmal gab Frank O. Gehry seinen Exegeten Rätsel auf. Das war, als er in Berlin die DG-Bank baute. Plötzlich stand da am Pariser Platz neben dem Brandenburger Tor ein schwerer, steinerner Kasten, der so gar nichts von Gehrys Lockerheit und nonchalantem Freigeist ausstrahlte. Die massive Mauer mit tief eingeschnittenen, stereometrischen Fensterlöchern hat man ob ihrer grotesken Karikierung der Berliner Gestaltungsvorschriften ("das steinerne Berlin") als ironischen Kommentar Gehrys verstanden. Im Inneren ist dann wieder Gehry pur anzutreffen, ein im Lichthof schwebender, verknautschter Saal, in dessen Form manche einen Pferdekopf sehen. Und auch an der Südfassade ist er sich treu geblieben, zwar mit der vorschriftsgemäßen Steintapete, aber mit schwingenden Wänden und tanzenden Fensterkästen, wie man sie von ihm in Düsseldorf schon gesehen hat.

LUMA Arles, Parc des Ateliers, Arles, France
Tel Aviv-Yafo, Israel
Gehry New York, New York City, USA
Dancing House, Prague, Czechia
Guggenheim Museum, Bilbao, Spanien

Die jüngsten Werke Gehrys waren nur noch mit avancierter Computertechnik durch ein hochspezialisiertes Team realisierbar. Der Blick in das schöpferische Chaos seines Ateliers verriet indes den furiosen Künstler, der die Strukturen in Handarbeit so lange behaut, knetet, bearbeitet, arrangiert, bis er gefühlsmäßig mit dem Ergebnis leben kann – ohne je damit vollauf zufrieden zu sein. Erst dann reichte er das Ergebnis inform von genialen Skizzen und rohen Modellstudien weiter an die MitarbeiterInnen und die TragwerksplanerInnen, die sich dann bei der Konstruktions- und Werkplanung die Haare rauften – wie einst bei Hans Scharoun, dessen komplexe Raumerfindungen den Ausführenden auch oft ein Rätsel blieben.

Frank Owen Gehry verstarb am 5. Dezember 2025 im Alter von 96 Jahren in Santa Monica, Kalifornien.

Buchtipp: "Five Buildings by Frank Gehry"
Fünf weitgehend unbekannte Gebäude von Frank Gehry, die den Grundstein für dessen spätere internationale Karriere legten, porträtiert von Johan Dehlin, Architekturfotograf.
Text: Tom Emerson, Hilary Sample
20,3 x 25,4 cm, 188 Seiten
128 Abbildungen
Softcover
Sprache: Englisch
Verlag: König, Walther, 05/2025
ISBN: 978-3-7533-0589-9
45 Euro

Cleveland Clinic Lou Ruvo Center for Brain Health, Las Vegas, USA
Frank Gehry on his Creative Influences (Modern Architecture in Los Angeles)