Himmel und Hölle
"Rasenmähen" heißt die Serie von Peter Piller und sie enttäuscht nicht: Wir blicken aus der Vogelperspektive auf Einfamilienhäuser aus den 70er und 80er Jahren, in dessen Gärten gerade eine Grünfläche gepflegt wird. Die Fotos dienten einst dazu, die Häuser für den Verkauf zu bewerben. Die Reihung des Künstlers arbeitet nun die synchronen Routinen der BewohnerInnen der Vorstadt heraus, die winzigen Details eines vermeintlich perfekten Zuhause, hinter deren Ästhetik ein sozialer Zwang zur Homogenisierung steht. Das Deutsche Architekturmuseum bietet mit "Suburbia" aktuell und noch bis zum 18. Oktober 2026 eine interdisziplinäre Schau, die Licht hinter die heile Welt-Kulisse und in die gesellschaftlichen Phänomene bringt, die mit ihr verbunden sind – von der Entstehung des Einfamilienhaus-Booms während der deutschen Wirtschaftswunderjahre bis zu künstlerischen Positionen, die die Wirklichkeiten in US-amerikanischen Vorstädten thematisieren. Wie die groteske Mischung von Baustilen für die pompös wirkenden, aber minderwertig in Serie gefertigten Einfamilienhäuser der sogenannten "McMansion" Architektur. Oder die Großsiedlung "Levittown", die Utopie einer geplanten Gemeinschaft, die 1947 nach dem zweiten Weltkrieg auf Long Island mittels Massenproduktion von identischen Grundrissen mit Fertigbauteilen entstand – vornehmlich für die weiße Mittelschicht und rückkehrende Soldaten. "Levittown" von Levitt & Sons gilt als Prototyp der gleichförmigen US-amerikanischen Vorstadt, wie als ein Symbol der Rassentrennung in den Staaten.
Der Traum von einer heilen Welt wurde im Nachkriegsdeutschland für die breite Bevölkerung erfolgreich über die Zeitschrift Schöner Wohnen als zum Greifen nah vermittelt. Die erste Ausgabe erschien 1960; viele Jahrgänge sind in der Ausstellung einsehbar: Das konservative Ideal ist in Home Storys, Ratgeberbeiträgen und Konsumwelten aufgefächert. Ebenso zeigen Ausschnitte von Sitcoms wie "Hör mal wer da hämmert" aus den 90iger Jahren und Sequenzen aus Homevideos, in denen ein Bilderbuch-Alltag im Einfamilienhaus zu sehen ist, wie stark das kollektive Streben nach dem Leben im Eigentum und die handwerkliche Selbstermächtigung sich in unserer Mediensozialisation wiederfindet.
Makelloser Abgrund
In welchem Ausmaß die Politik die Entwicklung des privaten Raums beeinflusste, wird anhand der aufgezeigten Stereotype des heteronormativen und patriarchalen Familienbilds deutlich, die mit der Idee des Eigenheims einhergingen. Nach dem Schrecken der gewaltsamen Konflikte wurde dieses seitens der Bundesregierung als Ziel für ein gelungenes Leben in friedlichen Zeiten wie die private Altersvorsorge beworben. Eine Erzählung gegen kollektive Wohn- und Eigentumsformen, staatlich gefördert mit dem Angebot von Bausparverträgen. Wer Haus und Garten hege, würde keinen Krieg anzetteln, so die Überzeugung. Der strukturelle Sexismus wurde indes mit dieser räumlichen Ordnung manifestiert: Der Mann ist erwerbstätig, die Frau ist ihm in allen wesentlichen Entscheidungen untergeordnet, soll frohgemut den Haushalt führen, Mutter sein und unermüdlich die unbezahlte Care Arbeit erledigen. Die Vorstadt kann sie nur verlassen, wenn ihr ein Auto oder eine Mitfahrgelegenheit zur Verfügung steht. Gegen diese Diskriminierung formte sich in den 1960iger Jahren die zweite Welle des Feminismus. Ein nachhaltiger Slogan war "The personal is political"/ "Das private ist politisch", den 1969 die US-amerikanische Feministin Carol Hanisch formulierte. In Deutschland wurde 1977 im Zuge der Reform des Ehe- und Familienrechts die gesetzliche Verpflichtung der Frau zur Haushaltsführung abgeschafft, weitere Anpassungen folgten. Trotz der bisher erreichten gesetzlichen Gleichstellung ist die systematische Benachteiligung von Frauen gegenüber Männern in unserer Gesellschaft bis heute weit verbreitet.
Mittels Homestorys in den Medien stellten PolitikerInnen parallel volksnah zur Schau, wie überzeugt sie von ihrem propagierten Lebensstil für den häuslichen Raum waren: Ludwig Erhardt, damaliger Bundesminister für Wirtschaft und in Folge zweiter Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, ließ sich 1960 von der Schöner Wohnen unter dem Titel "Hausbesitzer Professor Ludwig Erhard" in seinem Haus am Tegernsee ablichten. Helmut Kohl, sechster Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, inszenierte sein Familienidyll in Oggersheim und am Urlaubsort St. Gilgen am Wolfgangsee über Jahrzehnte medienwirksam.
Transformation des Eigenheims
In vier Kapiteln führt die Ausstellung "Suburbia" die BesucherInnen von der Entstehung und Planung des Traums, zu der auch die Weiterentwicklung der Infrastruktur im Zuge der Urbansierung gehörte, über dem Boom der Vorstadt bis nach Post-Suburbia. Die Künstlerin Weronika Gęsicka verdeutlicht mittels der digitalen Verfremdung von klischeebeladenen Szenen des "American Way of Life" der 40iger bis 60iger Jahre deren Paradoxie: In dem sie Details verändert, erhalten die Ausschnitte einen surrealen Charakter. Diese Störung der uns vermeintlich bekannten Bilder stellt parallel die Sehgewohnheiten des Vorstadttraums in Frage. Die Wegeführung mündet im Wohnalbtraum: In den Fotografien "The Ameriguns" von Gabriele Galimberti zeigt sich eindrucksvoll, wie das Grundeigentum die Furcht vor dem Bösen maximiert, vor dem es sich nach Kräften zu schützen gilt: wie mittels einer umfangreichen Waffensammlung, die stolz von den BesitzerInnen in und vor ihren Gebäuden präsentiert wird. Ebenso werden die Abgründe sichtbar, die sich hinter verschlossenen Türen auftun können: Angela Strassheim, einst in der Forensik tätig, hat in den Fotografien der Serie "The Evidence" die Kulissen häuslicher, patriarchaler Gewalt präzise mit der Kamera observiert. Mit sachlichem Blick erkundet sie die Fassaden der Vorstadthäuser wie die Tatorte in den als sicher geglaubten Räumen. Wie aktuell das Thema der ab 2007 erstellten Serie ist, zeigt eine aktuelle Pressemeldung des Bundeskriminalamts: Im Jahr 2024 wurden in Deutschland 265.942 Menschen Opfer häuslicher Gewalt, ein neuer Höchststand. Die Opfer waren mit 70,4 Prozent überwiegend weiblich. Ihre Serie "Left Behind" greift zudem die Themen Familie und weibliche Identität in den Zwängen einer starren Orthodoxie auf.
Realisiert hat das Team des DAM die Schau gemeinsam mit dem Centre de Cultura Contemporania de Barcelona wie dem Forschungscluster our.house der TU München und dem Forschungsfeld wohnen+/ausstellen des Mariann Steegmann Institut, Kunst und Gender in Bremen. Neben den Schattenseiten des Einfamilienhaus-Konzepts wird von den KuratorInnen auch sein Potenzial für die Gegenwart wie Zukunft beleuchtet: Studierende an der Professur für Entwerfen, Umbau und Denkmalpflege der TU München haben zum Beispiel Modelle von existierenden Einfamilienhäusern realisiert, um zu erkunden, wie eine effizientere Nutzung dieser Wohnform durch eine Erweiterung des Bestands aussehen könnte.
Parallel werden Transformationsprojekte wie "Le Bonus Südtirol" vorgestellt: Für die energetische Sanierung von Bestandsgebäuden kann dort eine zusätzliche Kubatur als Energiebonus erhalten werden, so Valerie Kronauer, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TUM. 16 Millionen der etwa 19 Millionen Wohngebäude in Deutschland seien Einfamilienhäuser, sagt sie. Hinsichtlich der großen Fragen nach neuen Ideen, bedingt durch die Klimakrise und den Wohnraummangel, wäre das Einfamilienhaus eine Bestandstypologie, in der viel Potenzial stecke. Die Grundideen müssten dabei nicht überschrieben werden: Konkret könnte ein Umbau der Eigenheime dazu dienen, die vorhandene Fläche effektiver zu nutzen und im Eigentum auch Mietparteien zu integrieren. Nach einer Berechnung der TUM wäre es möglich, mit dieser Vorgehensweise im Großraum Frankfurt über 90.000 neue Wohneinheiten zu schaffen.
Suburbia
Träume vom Eigenheim – Wege aus der Wohnungskrise
21. März – 18. Oktober 2026
Deutsches Architekturmuseum (DAM)
Schaumainkai 43, 60596 Frankfurt am Main
Telefon: +49 (0)69 – 212 388 44
Öffnungszeiten
Di, Do-So 11-18 Uhr
Mi 11-20 Uhr
Mo geschlossen
An allen Feiertagen von 11-18 Uhr geöffnet
Zu der Schau wird ein umfangreiches Begleitprogramm mit Vorträgen, Workshops und Führungen angeboten.














